Fachliches
Durchgangsbahnhof
Eine unübliche
Erfolgsgeschichte
Tages
Anzeiger 06.09.01
Das Projekt für einen neuen Durchgangsbahnhof
unter dem HB hat ungewöhnlich rasch eine ungewöhnlich
grosse Akzeptanz gewonnen.
Von Paul Bösch
Noch vor einem Jahr hätte es sich SBB-Chef Benedikt Weibel
kaum vorstellen können, dass er heute Propaganda für einen
neuen Durchgangsbahnhof unter dem Zürcher Hauptbahnhof samt
anschliessendem Tunnel nach Oerlikon (TA vom 20. August) macht.
Noch vor wenigen Monaten sei diese Idee für die SBB "eine
Utopie" gewesen, an die "wir allein aus finanziellen Überlegungen
nicht zu glauben wagten", sagt Weibel. Tatsächlich hatten
die SBB ursprünglich ganz andere Vorstellungen darüber,
wie die Kapazitäten im Knoten Zürich erweitert werden
sollen. Man wollte mit einem Flügelbahnhof Sihlpost mehr Verkehr
von und nach dem linken Seeufer ermöglichen und den Bahnviadukt
nach Wipkingen verbreitern, damit mehr Züge durch den Flaschenhals
Oerlikon geschleust werden können. Beide Vorhaben stiessen
auf Widerstand: Der Flügelbahnhof wegen seiner abseitigen Lage
und die Viaduktverbreiterung wegen der Auswirkungen dieses voluminösen
Baus auf das Quartier. Der Verein "Verrückt das Viadükt"
war das Sprachrohr der Opponenten im Stadtkreis 5.
Zuerst nur Flickwerk
Doch mit der Kritik allein war es nicht getan; eine neue Idee musste
her, welche das Flickwerk bei der Sihlpost und auf dem Wipkinger
Viadukt erübrigt. Ein Protokoll beweist, dass es der VCS-Vertreter
und frühere LdU-Kantonsrat Paul Stopper war, der als Erster
einen unterirdischen Durchgangsbahnhof vorschlug. Die von NZZ-Redaktor
Hans Bosshard publizistisch unterstützte Idee wurde zum Gegenstand
einer 1999 eingereichten Volksinitiative, die vorerst von VCS, später
dann von einem überparteilichen Komitee getragen wurde. Die
Initiative verlangte einen Rahmenkredit von 280 Millionen Franken
als kantonalen Beitrag an den neuen Durchgangsbahnhof samt Tunnel
nach Oerlikon vor.
Bemerkenswerter Umschwung
Und nun ereignete sich ein bemerkenswerter Umschwung: Der Durchgangsbahnhof
fand bei den Zürcher Behörden und schliesslich auch bei
den SBB Anklang. Der Regierungsrat lancierte einen Gegenvorschlag
zur Initiative, der die Grundidee übernahm und sie in Details
korrigierte. Neu sollte der Durchgangsbahnhof nicht ausschliesslich
dem S-Bahn-Verkehr, sondern auch dem Fernverkehr dienen, und der
Kantonsbeitrag an das 1,45-Milliarden-Projekt wurde auf 580 Millionen
Franken angehoben.
Dieser Gegenvorschlag wurde im Kantonsrat ohne einzige Gegenstimme
angenommen und die Volksinitiative hierauf zurückgezogen. Am
23. September kommt somit ein Vorschlag zur Abstimmung, gegen den
es - mindestens bis heute - keine Opposition gibt. Dies und die
kurze Zeit, innerhalb deren der Umschwung stattfand, ist - so Benedikt
Weibel - für ein Bauprojekt dieser Dimension "in der Schweiz
wirklich ungewöhnlich".
Stimmt der Kanton Zürich seinem Beitrag zu, so hat der Bund
über die Finanzierung des SBB-Anteils (60 Prozent) zu entscheiden.
SBB-Chef Weibel sieht dafür drei verschiedene Möglichkeiten:
über das ordentliche Investitionsbudget der SBB, den FinöV-Fonds
oder eine Mischfinanzierung: "Wir sind überzeugt, dass
der Bund Hand bietet für eine gute Lösung", sagt
er.
Entscheide des Bundes stehen aus
Noch offen ist die Frage, ob das eidgenössische Parlament mitzureden
hat. Dies ist der Fall, wenn dem Bahnhof Löwenstrasse und dem
Tunnel nach Oerlikon der Status einer neuen Linie zukommt. Laut
Weibel handelt es sich hier aber bloss um eine Kapazitätserweiterung.
Auf den Zeitraum 2003/04 ist das Plangenehmigungsverfahren vorgesehen,
und bis 2006 erfolgt die Projektierung. Wenn alles klappt wird der
neue Bahnhof und der Tunnel nach Oerlikon anschliessend innert sechs
Jahren gebaut. 2012 soll Inbetriebnahme sein.
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